Wie Alan Posener das Racial Profiling verherrlicht und mal wieder nicht recherchierte- The Posener Effect

Wegen der Silvesternacht in Köln redet Deutschland über den Sinn und Unsinn von „Racial Profiling“.

Und ein ganz spezieller Welt-Autor namens Alan Posener schlägt mal wieder über die Stränge.

In seinem Werk  „Ja zum Racial Profiling-es kann Leben retten“, das am 02.01.2017 in der „Welt“ erschien, beweist er mal wieder eine sehr fragwürdige Taktik der Meinungsmache, bei der entweder nicht recherchiert hat, oder ganz bewusst den Leser in die Irre führen will.

Nachzulesen ist sein Kommentar hier: https://www.welt.de/debatte/kommentare/article160799587/Ja-zu-Racial-Profiling-es-kann-Leben-retten.html

Ich will mich nicht lange mit seinem polemischen Gelaber aufhalten und gleich zu dem Punkt springen, in dem  Mr.“No Recherche“ Posener mangelhafte journalistische Qualitäten beweist:

Er führt tatsächlich den sogenannten „Ferguson Effect“ als Argument für die Verteidigung von „Racial Profiling“ an.

Die meisten Leser in Deutschland dürften gar nicht wissen, was der „Ferguson Effect“ sein soll und werden diese Kröte nach Poseners scheinbar schlüssigen Erklärung schlucken.

Ich erkläre es ebenfalls nochmal, falls sich jemand nicht die „Welt“ oder „Alan Posener“ antun will:

Der „Ferguson Effect“ ist eine Theorie, nach der es zu einem Anstieg von Verbrechen in den USA kam, nachdem die Proteste gegen rassistische Polizeigewalt einen Höhepunkt erreichten.

Herr Posener schreibt das dann so:

[Nach den Protesten der Black-Lives-Matter-Bewegung ist es in den USA zum sogenannten Ferguson-Effekt gekommen: Polizisten meiden Verhalten, das ihnen als rassistisch ausgelegt werden könnte, selbst wenn es durch die Fakten gerechtfertigt erscheint.

Der Ferguson-Effekt wird mitverantwortlich gemacht für einen sprunghaften Anstieg der Mordrate in 56 Großstädten um 16,8 Prozent im Jahre 2015: Fast überflüssig zu sagen, dass Schwarze überproportional oft Opfer dieser Morde waren.]

Das klingt jetzt erstmal total aufregend, wenn man sich nicht mit diesem angeblichen Phänomen beschäftigt.

Was Herr Posener nämlich verschweigt, da es in seiner „Argumentation“ stört:

Nach umfangreichen Untersuchungen konnte kein belegbarer Beweis für den „Ferguson Effect“ gefunden werden.

So sagte bereits die US-amerikanische Generalstaatsanwältin Loretta Lynch 2015 vor dem Kongress aus, dass es keinerlei Daten gibt, die den ominösen „Ferguson Effect“ bestätigen.

https://www.washingtonpost.com/world/national-security/loretta-lynch-there-is-no-data-backing-the-existence-of-a-ferguson-effect/2015/11/17/ebac5f1a-8d56-11e5-acff-673ae92ddd2b_story.html?utm_term=.fb89f00ec6a2

Schlimmer noch für die unkritische Weitergabe einer unbelegten Theorie ist für Herrn Posener, dass selbst die Forschung keinen Ferguson Effect sieht, zumindest nicht so, wie er ihn beschreibt.

Auch das „Brennan Center for Justice“ sah keine Belege für diese Theorie. Man stellte sogar fest, dass obwohl in einigen Städten die Mordrate etwas stieg, die Verbrechensrate allgemein national rückläufig war.

http://www.nbcnews.com/news/us-news/researchers-cast-doubt-ferguson-effect-cause-crime-spikes-n467251

Auch die University of Colorado Boulder konnte nach einer Studie 2016 keinen Beleg für einen Verbrechensanstieg finden. Es hatten lediglich Raubüberfälle zugenommen, diese kann man aber nicht wirklich mit einem „Ferguson Effect“ in Zusammenhang setzen.

http://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0047235216300010

Interessanterweise kamen auch Stephen L. Morgan und Joel Pally von der Hopkins University 2016 nach Auswertungen zu dem Schluß, dass die Verbrechensrate in Baltimore offensichtlich rückläufig, lediglich in einigen Verbrechensformen konstant blieb.

http://www.citylab.com/crime/2016/03/study-there-has-been-no-ferguson-effect-in-baltimore/473781/

Auch die University of Arizona, die sich mit Polizisten die im Einsatz zu Tode kamen beschäftigte, fand keinen „Ferguson Effect“.

http://www.tandfonline.com/doi/abs/10.1080/07418825.2016.1236205?journalCode=rjqy20

Wo also war nun dieser „Ferguson Effect“ den der gute Herr Posener so tragisch beschreibt, um Racial Profiling zu legitimieren?

Die einzige Studie die tatsächlich einen Effekt belegt, den man als „Ferguson Effect“ bezeichnen kann, dürfte Herrn Posener in seiner Argumentation eher schwächen.

Eine Studie der Soziologen Matthew Desmond und Andrew W. Papachristos kam nämlich zu dem Ergebnis, dass durch die bekannt gewordenen Ausmaße der Polizeigewalt gegen Schwarze, schwarze US-Amerikaner eine größere Hemmung entwickelten, die Polizei zu rufen.

http://www.nytimes.com/2016/10/01/opinion/why-dont-you-just-call-the-cops.html?_r=0

So gesehen wird Herrn Poseners Argument, dass der „Ferguson Effect“ schwarze Leben in den USA kostete eventuell doch noch wahr, aber es steht genau im Gegensatz zu seiner Argumentation. Wenn Bürger mit der „falschen Hautfarbe“ einer rassistisch agierenden Polizei nicht mehr vertrauen, dann kann man vielleicht wirklich von einem „Ferguson Effect“reden.

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